Das Rückenmark

 

Das Rückenmark liegt im Wirbelkanal der Wirbelsäule und ist genau wie das Gehirn ein Teil des Zentralnervensystems. Und ebenso wie das Gehirn wird es vom Liquor umspült und von Hirnhäuten geschützt. Das Rückenmark stellt so zusagen die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem peripheren Nervensystem dar. Darüber hinaus werden einfache Reflexe bereits auf Rückenmarksebene verschaltet, ohne das Gehirn mit einzubeziehen.

 

Das Rückenmark kann anhand der Austritte der Spinalnerven aus dem entsprechenden Abschnitt der Wirbelsäule in fünf Abschnitte untergliedern

  •  Zervikalmark
  • Thorakalmark
  • Lumbalmark
  • Sakralmark
  • Kokzygealmark

Diese werden jeweils noch in Segmente untergliedert, die als ein Abschnitt definiert sind, aus dem ein Spinalnervenpaar austritt. Es gibt ebenso viele Segmente wie Wirbelkörper. Da das Rückenmark in der vor- und nachgeburtlichen Entwicklung langsamer wächst als die Wirbelsäule, haben Wirbelkörper und zugehöriges Rückenmarkssegment nicht immer mehr die gleiche Lage. Ab dem Lumbalmark müssen die Spinalnerven erst ein Stück an nach unten ziehen, bevor sie „ihren“ Wirbelkörper zum Austritt erreichen (Abb. 3.1.).

 

Medulla spinalis Abb. 3.1: Rückenmark im Wirbelkanal

Lage der Rückenmarksegmente zu den Wirbelkörpern und Austrittspunkte der Spinalnerven.

 

Im Querschnitt (Abb. 3.3) kann man graue und weiße Substanz unterscheiden. Die graue, innenliegende Substanz beherbergt die Zellkörper der Nervenzellen, die weiße Substanz die Nervenfasern, die ihre weiße Farbe von ihrer Markscheide her erhalten.

 

Die graue Substanz des Rückenmarks bildet eine schmetterlingsförmige Struktur, wobei der breitere Teil nach vorn, der schmalere nach hinten zeigt. Der vordere Teil wird als Vorderhorn bezeichnet und beherbergt Nervenzellen der Motorik, d.h. von hier aus ziehen motorische Nervenfasern zu den Gliedern. Der hintere Teil, der als Hinterhorn bezeichnet wird, enthält Nervenzellen, die im Dienst der Sensibilität stehen, d.h. hier enden die Fortsätze sensibler Nervenzellen aus der Peripherie (Abb. Abb. 3.2) Entsprechend spricht man von den Nervenfasern des Vorderhorns von motorischen Vorderwurzeln und von denen des Hinterhorns von sensiblen Hinterwurzeln. Beide vereinigen sich anschließend zum Spinalnerv.

 

Abb. 3.2: Querschnitt durch das Rückenmark und Ein- bzw. Austritt der sensiblen (blau) und motorischen Nervenfasern (rot).

 

Die weiße Substanz wird entsprechend in Vorder- und Hinterstrang sowie einen Seitenstrang gegliedert, der zwischen Vorder- und Hinterhorn der grauen Substanz verläuft. Anders als in der grauen Substanz ist keine strikte funktionale Unterteilung gegeben. Im Vorder- und Seitenstrang verlaufen sowohl motorische als auch sensible Bahnen (Abb. 3.3). 

 

Abb. 3.3: Querschnitt durch das Rückenmark mit Zuordnung der weißen Substanz zu sensiblen (blau) und motorischen Bahnen (blau).

Der Querschnitt zeigt die schmetterlingsartige Struktur der grauen Substanz. Die Nervenzellkörper der motorischen Bahnen liegen in den Vorderhörnern (rot-gestreift), die der sensiblen Bahnen in den Hinterhörnern (blau-gestreift). Die motorischen, aufsteigenden Leitungsbahnen (rot), die sich in Pyramidenbahn und extrapyramidale Bahnen untergliedern lassen, verlaufen sowohl im Vorder- als auch im Seitenstrang. Die sensiblen, absteigenden Leitungsbahnen (blau) verlaufen zum größten Teil im Hinterstrang, zu einem gewissen Anteil aber auch im Vorder- und Seitenstrang.

Denjenigen Studenten, die sich intensiv mit der Bezeichnung und dem Verlauf der einzelnen Bahnen auseinandersetzen müssen bzw. möchten, sei der folgende Link und die folgende Literatur empfohlen:

 

 

Einfache Reflexe werden direkt auf der Ebene des Rückenmarks verschaltet. Dies spart Zeit: greift man z.B. aus Versehen auf eine heißer Herdplatte, zuckt die Hand blitzschnell zurück. Erst danach melden sich Schmerz und Einsicht. Der Rückziehreflex ist unbewusst und deutlich schneller abgelaufen. Von den Rezeptoren in der Hand ist die Information zum Rückenmark geleitet, dort über Interneurone verschaltet und dann an die Motorneurone des Armes weitergegeben worden. Man spricht von einem polysynaptischen Reflexbogen. Da der Rezeptor (in der Hand) und das Erfolgsorgan (Muskel im Oberarm) nicht in einem Organ liegen, spricht man von Fremdreflex. Ein noch einfacheres Beispiel ist der Kniesehnenreflex. Er dient dazu, dass wir in aufrechter Haltung nicht in den Knien einknicken. Bereits ein leichtes Knicken des Kniegelenkes dehnt Rezeptoren (Muskelspindeln) im Oberschenkel, die eine ausgleichende Reaktion des Oberschenkels durch Anspannung herbeiführen. Das Knie wird wieder gestreckt. Der Arzt kann diesen Reflex sehr einfach bei hängendem, entspanntem Bein durch einen leichten Schlag auf die Kniesehne unterhalb der Kniescheibe testen. Dadurch wird eine Reizung der Muskelspindel ausgelöst. Das Neuron verschaltet im Rückenmark direkt auf ein Motorneuron und der Streckreflex wird ausgelöst. Es handelt sich um einen Eigenreflex, da der Rezeptor direkt im Erfolgsorgan liegt. Zudem ist dies ein monosynaptischer Reflexbogen.

 

Abb. 3.4: Monosynaptischer Reflexbogen

Zur Testung des Kniesehnenreflexes setzt der Arzt den Patienten auf eine Liege und bittet ihn, die Beine locker herabbaumeln zu lassen. Dann schlägt er sanft auf die unterhalb der Kniescheibe verlaufende Kniesehne. Diese leichte Kontraktion führt zu einem Reiz in der Muskelspindel, dem Dehnungsrezeptor des Muskels. Dieser sendet über sein Axon direkt zum Rückenmark, wo direkt auf ein sensorisches Neuron verschaltet wird. Dieses zieht zurück zum Muskel. Die Kontaktstelle des Axons mit dem Muskel wird als motorische Endplatte bezeichnet. Die Reizung führt zur Kontraktion des Muskels. Durch die Anspannung des Oberschenkels schnellt der Unterschenkel nach oben in die Streckung. Durch bewusste Anspannung der Beinmuskulatur kann ein solcher Reflex natürlich verhindert werden.