AD(H)S -

Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung

 

 

Störungsbild und Diagnose

Störungen der Aufmerksamkeit mit und ohne motorische Hyperaktivität zählen heute zu den häufigsten Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter. Über eine Millionen Kinder und Jugendliche sollen momentan in Deutschland davon betroffen sein. Jungen erwischt es dreimal häufiger als Mädchen.

 

Nicht auf alle Zappelphilippe trifft aber auch wirklich die Diagnose ADS oder ADHS zu. Für eine Diagnose müssen ganz bestimmte Kriterien zutreffen:

 

-       Die Verhaltensauffälligkeiten müssen in drei Bereichen in einem deutlich erhöhten Maß vorhanden sein. Diese Bereiche sind:

  • Unaufmerksamkeit
    • Kann nicht zuhören
    • Kann Aufgaben nicht zu Ende bringen
    • Macht Flüchtigkeitsfehler
    • Ist leicht abzulenken
  • Impulsivität
    • Kann nicht abwarten
    • Redet übermäßig viel und unangemessen
    • Stört häufig
  • Hyperaktivität
    • Kann nicht stillsitzen
    • Ständig auf Achse
    • Zappelt herum

-       Die Verhaltensauffälligkeiten müssen vor dem 7. Lebensjahr aufgetreten sein.

-       Die Verhaltensauffälligkeiten müssen mindestens zwei Lebensbereiche betreffen (z.B. Schule und Elternhaus)

 

Dabei können in jedem Lebensalter durchaus unterschiedliche Symptome vorherrschen. Während im Kindergarten- und Grundschulalter meist alle oben genannten Symptome deutlich zu sehen sind, zeigt sich die Störung im Jugendalter häufig vor allem durch ein geringes Selbstwertgefühl, Aufmerksamkeitsprobleme, Vergesslichkeit, Schulprobleme, Desinteresse an Schule und eine erhöhte Gefährdung für Alkohol, Drogen, Kriminalität und extreme Ideologien. AD(H)S wächst sich entgegen vieler Meinungen leider nicht aus! Im Erwachsenenalter lässt die Hyperaktivität zwar nach, die Störung zeigt sich dann aber in Desorganisation im privaten und beruflichen Bereich mit häufigen Arbeitsplatz- und Partnerwechseln, innerer Unruhe, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsproblemen und weiterhin erhöhter Alkohol- und Drogengefährdung. Das beste Mittel gegen ein Fortbestehen der Störung im Erwachsenenalter ist eine effektive frühzeitige Behandlung!

 

Nicht alles ist ein Problem – positive Eigenschaften von AD(H)Slern

Die Störung bringt auch für das Umfeld sehr positive Eigenschaften mit, die leider allzu oft untergehen und/oder vergessen werden. AD(H)Sler haben eine erhöhte Emotionalität im Vergleich zu „normalen“ Menschen. Daraus ergibt sich eine große Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und sehr gutes Menschengespür. AD(H)Sler sind zudem überaus begeisterungsfähig und in der Lage sich zu hyperfokussieren, d.h. wenn sie eine Sache interessiert, können sie sich darauf stärker als andere konzentrieren und sich kaum wieder davon lösen. Schließlich zeichnen sich AD(H)Sler durch ihre besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten durch eine ausgesprochene Kreativität aus.

 

Was passiert im Gehirn bei AD(H)S?

Die neuropsychologischen Symptome der AD(H)S haben eine neurobiologische Grundlage, d.h. im Gehirn der Betroffenen bestehen typische Veränderungen im Vergleich zu Nichtbetroffenen. Betroffen sind insbesondere zwei Gehirngebiete, in denen zwei wichtige Botenstoffe eine große Rolle spielen.

 

Das eine Gehirngebiet ist das Striatum, das für das Zulassen oder die Hemmung von Bewegungen zuständig ist. Das zweite Gebiet ist das Stirnhirn, das an allen höheren Funktionen des Gehirns beteiligt ist. Hierzu zählen vor allem Leistungen des Arbeitsgedächtnisses, strategische Handlungsplanung, Handlungshemmung und soziales Verhalten. Durch bildgebende Verfahren lassen sich in diesen beiden Bereichen bei AD(H)S-Betroffenen auch anatomische Veränderungen nachweisen.

 

Die entscheidenden Botenstoffe, die bei AD(H)S sowohl im Striatum als auch im Stirnhirn verändert sind, sind Dopamin und Noradrenalin. Dopamin spielt im Striatum bei der Bewegungskontrolle eine wichtige Rolle. Im Stirnhirn sind sowohl Dopamin als auch Noradrenalin an Aufmerksamkeits- und Kontrollprozessen beteiligt.

 

Bei AD(H)S herrscht im Striatum ein Dopamin-Überschuss, der zu motorischer Unruhe und Bewegungsenthemmung führt. Im Stirnhirn hingegen ist die Konzentration sowohl von Dopamin als auch von Noradrenalin zu niedrig, wodurch es zu Beeinträchtigungen im Arbeitsgedächtnis, in der Handlungsplanung und -kontrolle sowie in der Steuerung von sozial angemessenem Verhalten kommt.

Es gibt die Vermutung, dass dieses Dopamin-Ungleichgewicht zwischen Stirnhirn (zu wenig Dopamin) und Striatum (zu viel Dopamin) durch eine Beeinträchtigung oder Verzögerung in der Reifung des Dopamin-Systems (zur Reifung des Dopaminsystems) hervorgerufen wird. Demnach könnte es sich bei AD(H)S um eine Entwicklungsverzögerung bzw. -störung handeln. Diese Annahme deckt sich mit Beobachtungen, dass sich AD(H)S unter geeigneter Behandlung bis ins Erwachsenenalter „auswachsen“ kann, nämlich möglicherweise eben dann, wenn eine Nachreifung des Dopamin-System veranlasst werden kann.

 

 

Was sind die Ursachen von AD(H)S?

Entgegen langläufiger Meinung ist AD(H)S keine Erbkrankheit! Genauso wenig liegt die Ursache aber in einem Erziehungsfehler! Damit haben weder die Gene noch die Eltern „schuld“ an der Entstehung von AD(H)S. Insbesondere betroffenen Eltern geht es aber so, dass sie gern einen Schuldigen hätten. Da müssen sie leider enttäuscht werden. Man weiß heute, dass es nicht die eine Ursache von AD(H)S gibt. Man spricht vielmehr von einer multifaktoriellen Störung, d.h. dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu den neurobiologischen Veränderungen und schließlich zur psychologischen Ausprägung der Störung führt.

 

Zweifellos gehört zu diesen Faktoren eine genetische Komponente. Man spricht von einer vererbten Vulnerabilität, d.h. dass die Veranlagung AD(H)S zu bekommen vererbt wird. Manche Menschen sind somit anfälliger für AD(H)S als andere.

 

Zu dieser genetischen Veranlagung müssen dann aber noch verschiedene äußere Faktoren hinzukommen, damit sich eine AD(H)S entwickelt.

Zu diesen Faktoren zählen Schädigungen des Zentralnervensystems, wie sie bei Schwangerschafts- (virale Infektionen, toxische Schädigungen) oder Geburtskomplikationen (auch geringes Geburtsgewicht) auftreten können. Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten scheinen bei einigen – allerdings wenigen – AD(H)S-Betroffenen ebenfalls eine Rolle zu spielen.

 

Maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung, Ausprägung und Unterhaltung der Störung hat auch das soziale Umfeld. Studien zeigen eine Häufung von AD(H)S unter ungünstigen familiären Bedingungen, d.h. unvollständigen Familien, Familien mit geringem sozioökonomischen Status, zu kleinen Wohnungen und psychischen Störungen der Mutter.

 

Und was kann man dagegen tun?

Der erste Schritt, gezielt etwas gegen die Störung unternehmen zu können, ist es sicher zu sein, dass es diese Störung auch wirklich ist. D.h. am Anfang muss eine genaue Diagnose stehen, die auch wirklich nur von einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, einem speziell weitergebildeten Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin oder einem klinischen Psychologen gestellt werden kann (Adressen von Fachleuten in Ihrer Nähe erhalten sie von einer der Beratungsstellen, die Sie am Ende der Seite finden.).

 

Ist die Diagnose AD(H)S sicher, gibt es verschiedene Therapieoptionen, die in obligate (d.h. zwingend notwendige) und fakultative (d.h. evtl. zusätzliche) Therapien unterteilt werden.

 

An erster Stelle der obligaten Therapiemaßnahmen steht die Aufklärung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen, seiner Eltern und aller mit ihm in Kontakt stehenden Personen, d.h. auch der Erzieher bzw. Lehrer. Dies ist so bedeutsam, weil allein durch das Wissen und die Kenntnis der Störung und dem Verständnis dafür, dass das Verhalten des Kindes keine Provokation und kein „böser Wille“ ist, entstandene Konflikte in der Eltern-Kind-, Lehrer-/Erzieher-Kind oder auch allgemein Kind-Mitmenschen-Beziehung bereits entschärft und kommende Konflikte besser gemeistert werden können. Im Zentrum bei dieser sogenannten Psychoedukation steht das persönliche Gespräch, unterstützt durch Informationsbroschüren, Elternratgeber und Ratschläge für Lehrer. Spezielle Elterntrainings, in denen die Eltern lernen, durch Strukturierung des Umfeldes, Bereitstellung von Hilfen und durch gezieltes Eingreifen und ihre Erziehung die Situation zu verbessern, können helfen, werden aber leider immer noch nicht flächendeckend angeboten.

 

Für das Kind oder den Jugendlichen selbst ist die kognitive Verhaltenstherapie von zentraler Bedeutung. In dieser soll das Kind oder der Jugendliche lernen, seine Hyperaktivität zu kanalisieren, seine Intensität und Ausdauer sowohl im Spiel als auch in der Schule und bei den Hausaufgaben zu verbessern, seine Impulsivität und sein unorganisiertes Verhalten zu vermindern und sein Problemverhalten zu modifizieren.

 

Oftmals erreichen diese beiden Maßnahmen, Psychoedukation und Verhaltenstherapie, bereits eine deutliche Verbesserung der Situation. Ist dies dennoch nicht der Fall, können weitere Maßnahmen notwendig werden.

 

 

Eine fakultative Therapiemaßnahme stellt die medikamentöse Therapie dar. Ihre Indikation ist immer dann gegeben, wenn die Symptomatik so ausgeprägt und situationsübergreifend ist, dass deutliche Beeinträchtigungen im Leistungs- und sozialen Bereich vorliegen, die den Leidensdruck für Kind und Eltern unzumutbar machen und eine Gefahr für die Entwicklung des Kindes darstellen. Manchmal werden durch eine medikamentöse Therapie überhaupt erst andere Therapiemaßnahmen wie Psychoedukation und Verhaltenstherapie mit dem Kind oder Jugendlichen möglich. Psychostimulanzien stellen die Medikation der ersten Wahl dar, da ihre Wirksamkeit, v.a. die Kurzwirksamkeit, durch alle Altersstufen hindurch gut belegt ist (Spencer et al. 1996). Die Substanz, die dabei in der Regel zum Einsatz kommt, ist Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin®. Methylphenidat ist eine amphetaminähnliche Substanz und fällt somit unter das Betäubungsmittelgesetz. Wie andere Stimulanzien (Amphetamin (XTC, Crystal Meth) wirkt sie in hohen Dosen konzentrationssteigernd und aufputschend, indem sie die Noradrenalin- und Dopaminkonzentration im Gehirn erhöht. Bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S zeigt sich die Wirkung einer niedrigen, sogenannten therapeutischen Dosis, jedoch in einer Steigerung der Aufmerksamkeitspanne, der Konzentrationsfähigkeit, der Leistungs- und Entscheidungsbereitschaft sowie in einer Herabsetzung der Impulsivität und der ungerichteten motorischen Unruhe. Diese Wirkung ist verwunderlich und wird auch als paradoxe Wirkung bezeichnet. Sie ist auf ein regulierendes Eingreifen des Medikaments in genau die Botenstoffsysteme (Dopamin und Noradrenalin), die an der Entstehung der AD(H)S maßgeblich beteiligt sind, zurückzuführen. Dabei wird der Dopaminmangel im Stirnhirn ausgeglichen, wodurch es zu erhöhter Aufmerksamkeit und Konzentration kommt. Im Striatum hingegen wird die Dopaminkonzentration über einen spezifischen Mechanismus herabgesetzt. Eine Verminderung der Unruhe und der Impulsivität sind die Folge.

 

Die therapeutische Verabreichung von Ritalin® erfolgt in der Regel in Form von Tabletten, die verhaltensregulierende Wirkung setzt nach etwa einer Stunde ein und hält für drei bis vier Stunden an. Retardpräparate mit verzögerter Freisetzung des Wirkstoffs können die Wirkdauer auf bis zu acht Stunden erhöhen. Die Einstellung wird mit einer niedrigen Dosis des Medikaments begonnen, dann wird die Dosis langsam erhöht, bis der gewünschte Symptomrückgang erreicht ist. Es gilt die Regel „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“.

 

Als kurzfristige Nebenwirkung einer therapeutischen Ritalin®-Gabe kann es zu Appetitmangel und zu leichten Kopf- und Bauchschmerzen kommen. Um Schlafstörungen zu verhindern, wird Methylphenidat nur morgens und eventuell zusätzlich mittags gegeben, nicht aber abends. Die Langzeitwirkungen oder Nebenwirkungen von Methylphenidat sind bislang immer noch recht spärlich untersucht. Als gesichert kann jedoch gelten, dass Methylphenidat im Gehirn eine morphogene, d.h. gestaltverändernde, Wirkung auf Botenstoffe, Nervenzellen und ihre Verbindungen ausübt. Dies muss jedoch nicht zwingend als negativ bewertet werden. Erste Indizien aus Tierversuchen in unserer Arbeitsgruppe legen nahe, dass Methylphenidat in therapeutischer Dosis in der Lage sein könnte, den Dopaminmangel im Stirnhirn von AD(H)S-Betroffenen langfristig sogar zu normalisieren.

 

Bringt die Gabe von Methylphenidat keinen oder keinen zufriedenstellenden Erfolg, können auch Amphetamine oder andere amphetaminähnliche Stoffe (z.B. Pemolin (Tradon®), Fenityllin (Captagon®) zum Einsatz kommen.

 

In der Regel lassen sich durch diese Präparate die Kernsymptome, d.h. die motorische Unruhe und die Aufmerksamkeitsstörungen deutlich vermindern, ohne dabei die Lernfähigkeit zu beeinträchtigen. Ist dies nicht der Fall oder ist das Kind zu jung für eine Stimulanzientherapie, so können Mittel gegen Depressionen oder Epilepsie angewendet werden, deren Kosten-Nutzen-Faktor aber deutlich unter dem der Stimulanzien liegt.

 

Am Ende dieses Kapitels ist es noch wichtig mit zwei weiteren Gerüchten aufzuräumen:

1)    Ritalin verbessert nicht die Schulleistungen!

Die Kinder und Jugendlichen sind durch das Medikament zwar ruhiger und im Unterricht angepasster, so dass LehrerInnen die Leistungen häufig subjektiv als besser empfingen, Ritalin hat aber keinen Einfluss auf die kognitiven Leistungen, d.h. weder auf die Denkfähigkeit noch auf den Lernerfolg!

2)    Ritalin bereitet nicht den Weg für andere Drogen!

Studien haben gezeigt, dass Ritalin – auch wenn es selbst unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und missbräuchlich als Droge verwendet werden kann – bei AD(H)Slern richtig angewendet durch die Symptomverbesserung einen späteren Drogenmissbrauch sogar verhindern kann!

 

Ein Wort zum Schluss an alle Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen:

AD(H)S ist nicht genetisch bedingt! AD(H)S ist kein Schicksal! Denn: AD(H)S ist in hohem Maße durch Erziehung, Pädagogik und Didaktik zu beeinflussen! Um das aber leisten zu können, müssen Sie sich Hilfe holen, um zu lernen, wie sie die Störung positiv beeinflussen können!

 

 

Insbesondere für LehrerInnen und ErzieherInnen sind zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit einer aktiven Lehrerin zwei Ratgeber die Schule entstanden, die Ihnen vielfältiges Material an die Hand gebent, schnell und ohne viel Arbeit im Unterricht auf AD(H)Sler eingehen zu können!

 

 

Anlauf- und Beratungsstellen für Eltern

ADHS Deutschland e.V. mit Landesgruppen in den einzelnen Bundesländern

http://www.adhs-deutschland.de/desktopdefault.aspx

 

Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e.V.

www.ag-adhs.de

 

Ich stehe Ihnen selbstverständlich auch gern für Fragen zur Verfügung:

Kontakt

 



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Fördern Sie gezielt die Konzentration Ihrer Schützlinge!