Implizites Lernen

 

 

Implizites Lernen ist definiert als: „Lernen in Situationen, in denen die Person Strukturen einer relativ komplexen Reizumgebung lernt, ohne dies notwendigerweise zu beabsichtigen, und in einer Weise, dass das resultierende Wissen schwer zu verbalisieren ist“ (Iring Koch). Vereinfacht gesagt ist implizites Lernen das unbewusste Lernen. Man muss sich nicht eines Lernvorgangs bewusst sein, um es korrekt zu lernen, und der Gedächtnisinhalt ist anschließend nur schwer in Worte zu fassen.

 

Nehmen wir als Beispiel einmal das Fahrradfahren. Man lernt es in der Regel durch Ausprobieren und Erfahrung, evtl. auch durch Zuschauen, aber nur selten, indem man ein Buch darüber liest. Zudem wird ein Fahrradfahrer schwerlich erklären können, welche Bewegungsabläufe er exakt nacheinander ausführen muss, um das Gleichgewicht zu halten und vorwärts zu kommen. Versucht er sich während des Fahrens diese Vorgänge bewusst zu machen und bewusst durchzuführen, wird er wahrscheinlich sogar umfallen. Hier ist das implizite Gedächtnis besser, als das explizite.

 

 

Das hier geschilderte Beispiel ist ein Beispiel für prozedurales Lernen, eine Unterform des impliziten Lernens, das auch als Verhaltensgedächtnis bezeichnet wird. Hier werden automatisierte Handlungsabläufe abgespeichert. Da diese Vorgänge nicht bewusst sind – und nur mit Mühe bewusst gemacht werden können – sind hier vor allem subkortikale Gehirnbereiche beteiligt. Hierzu zählen die subkortikalen motorischen Zentren des Gehirns, die Basalganglien und das Kleinhirn (vgl. Motorik).

 

Eine andere Form des unbewussten Verhaltenslernens, die Konditionierung wurde schon im Kapitel zu den einfachen Lernformen vorgestellt.

 

Eine weitere Form des impliziten und damit unbewussten Gedächtnisses ist das Priming. Priming bedeutet übersetzt Bahnung und bezeichnet das Phänomen, dass unser Gehirn auch dann Reizwahrnehmungen verarbeitet, wenn wir es gar nicht bemerken. Dies ist an den Randbereichen der Aufmerksamkeit der Fall, z.B. wenn ein Reiz so kurz präsentiert wird, dass er unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt, und ebenso in Zuständen der Bewusstlosigkeit wie dem Schlaf oder der Narkose.

Diese Wahrnehmungen aktivieren Gedächtnisinhalte, die bei folgenden Reizen bestimmen, wie schnell diese verarbeitet werden, wie konkret sie erkannt werden, oder, bei uneindeutigen Reizen, wie sie interpretiert werden. Ein konkretes Beispiel kann dies etwas verdeutlichen:

 

Schaut jemand aus dem Fenster, um vielleicht zu schauen, ob das Taxi schon da ist, wird er unbewusst auch die Maulwurfshügel in Nachbars Vorgarten wahrnehmen, auch wenn er sie gar nicht zu beachten glaubt. Nimmt er dann ein schwarz-braunes Objekt im Vorgarten wahr, wird er diesen sofort als den schuldigen Maulwurf interpretieren (Abb. 14.3.1 A). Hat der Garten aber gar keine Maulwurfshügel und derjenige nimmt beim Blick aus dem Fenster stattdessen unbewusst einen Mann wahr, der gerade mit seinem Hund um die Ecke biegt (Abb. 14.3.1 B), wird er das schwarz-braune Objekt als etwas ganz anderes interpretieren (ohne das hier näher vertiefen zu wollen…).

 

 

Priming, Bahnung Abb. 14.3.1: Der Blick in den Vorgarten...

 

Schließlich wird auch das perzeptuelle Gedächtnis zum impliziten Gedächtnis gerechnet, obwohl es eine Zwischenstellung zwischen bewusstem und unbewusstem Lernen einnimmt. Das perzeptuelle Gedächtnis ermöglicht ein Wiedererkennen von bereits bekannten Mustern. Wir erkennen z.B. jeden Apfel als Apfel, wenn er typische, im perzeptuellen Gedächtnis abgespeicherte Merkmale besitzt. Jeder Apfel ist unterschiedlich und wir haben nicht alle jemals gesehen Äpfel im Gedächtnis abgespeichert, sondern nur die Merkmale oder die Regel, die einen Apfel unverkennbar zu einem Apfel machen. Diese Merkmale bzw. Regeln sind uns nicht bewusst, wohl aber die Wahrnehmung oder die Erkennung des Apfels an sich. Gleiche Prinzipien gelten übrigens auch für die Gesichtererkennung.

 

 

Abb. 14.3.2 Das perzeptuelle Gedächtnis ermöglicht es uns, einen Apfel als Apfel zu erkennen, auch wenn keiner dem anderen gleicht.