Die Ebenen des Gedächtnisses

 

 

Es gibt verschiedene Arten von Gedächtnis, die in zwei große Gruppen unterteilt werden:

 

  • Das explizite oder deklarative Gedächtnis ist das bewusste Gedächtnis. Dabei speichert das episodische GedächtnisEreignisse aus unserem Leben wie den letzten Urlaub, den Tag der Einschulung usw. ab.
  • Das semantische Gedächtnis beinhaltet das bewusste Faktenwissen wie „3 x 3 = 9“, „der Eiffelturm steht in Paris“, Vokabeln, Geschichtsdaten usw. Beide Formen werden insbesondere vom Hippocampus und den angrenzenden Arealen geleistet, von wo aus der Transfer in das  Langzeitgedächtnis der Großhirnrinde stattfindet.

 

explizites, implizites, deklaratives, Gedächtnis Abb. 14.2.1: Formen des Gedächtnisses

 

Das implizite oder nicht-deklarative Gedächtnis hingegen speichert unbewusste Erinnerungen ab. Es weiß nichts, kann aber alles.

 

  • Dazu gehört das prozedurale Gedächtnis, das Gedächtnis für Bewegungsabfolgen wie Laufen, Fahrradfahren, Autofahren usw. Es wird vor allem vom Striatum geleistet.
  • Ebenfalls eine Form des impliziten Gedächtnisses ist das perzeptuelle Gedächtnis. Es hilft uns, bekannte Personen, Orte, Gegenstände wieder zu erkennen und als bekannt zu bewerten. Auch hier spielen der Hippocampus und verschiedene Kortexareale eine Rolle.
  • Die Konditionierung, die im vorhergehenden Kapitel besprochen wurde, gehört ebenfalls zum impliziten Gedächtnis. Sie wird vor allem von der Amygdala und dem Kleinhirn geleistet.
  • Schließlich ist auch das Priming eine Form des impliziten Gedächtnisses. Priming bedeutet Bahnung. Werden Reize nur kurz präsentiert, steigt die Wahrscheinlichkeit des Erkennens, wenn zuvor ein assoziierter Reiz gezeigt wurde. Sehen wir z.B. Maulwurfshügel im Garten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein kleines schwarzes Tier als Maulwurf und nicht als Maus identifizieren.

 

 

Darüber hinaus kann das Gedächtnis anhand der Dauer der Abspeicherung unterschieden werden.

 

Das Ultrakurzzeitgedächtnis speichert eingehende Sinnesreize für wenige Sekunden, um eine Integration mehrerer Sinnesreize zu ermöglichen. Es findet direkt in den jeweiligen sensorischen Kortexarealen statt.

 

Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht es uns, begrenzte Inhalte für einen kurzen Augenblick zu speichern, um mit ihnen arbeiten zu können. Wir lesen eine Telefonnummer, merken sie uns kurz, wählen sie und, wenn der andere abnimmt, haben wir sie auch schon wieder vergessen. Diese Form des Gedächtnisses wir vor allem vom präfrontalen Kortex, dem Stirnhirn, geleistet.

 

Das Kurzzeitgedächtnis, das Gedächtnisinformationen für einige Stunden aufrechterhält, wird vom limbischen System inbesondere dem Hippocampus und angrenzenden Kortexarealen im Schläfenlappen geleistet. Es dient als temporärer (zeitweiliger) Speicher, bevor Gedächtnisinhalte in das Langzeitgedächtnis überführt werden.

 

Das Langzeitgedächtnis schließlich durchzieht den gesamten Cortex. Hier können Inhalte für Wochen bis Jahre und sogar lebenslang abgespeichert werden. Das Langzeitgedächtnis ist aber keinesfalls mit der Festplatte eines Computers zu vergleichen. Im Langzeitgedächtnis werden Inhalte nicht nebeneinander eingeschrieben und abgespeichert und, falls nicht mehr willentlich benötigt, gelöscht, sondern neu eintreffende Gedächtnisinhalte werden in Netzwerke vorhandener Inhalte integriert. Dabei müssen alte Erinnerungen destabilisiert werden, um eine Integration der neuen Inhalte zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass unter Verwendung bereits vorhandener Gedächtnisinhalte neue Gedächtnisinhalte gebildet werden. Dies erklärt, warum unsere Erinnerung nie absolut objektiv ist und warum sich z.B. Erinnerungen, die man immer wieder erzählt, mit der Zeit immer weiter verändern (ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen – für uns entspricht die Erinnerung immer noch der erlebten Realität).

 

Gedächtnis

Gehirnregion

Dauer

Ultrakurzzeitgedächtnis

Sensible Rindenbereiche

bis 2 Sekunden

Arbeitsgedächtnis

Stirnhirn

20-45 Sekunden

Kurzzeitgedächtnis

Hippocampus, Papez-Kreislauf

wenige Stunden

(durch Wiederholung verlängerbar)

Langzeitgedächtnis

Cortex

Tage bis lebenslang